Vor dem Erdgeschoss-Saal im Haus des Sports des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) riecht es nach frisch gekochtem Kaffee und lauwarmen Brezeln. Der Andrang ist groß: Rund 100 Vertreter aus den Mitgliedsorganisationen der Deutschen Sportjugend (dsj) sowie Wissenschaftler verschiedener Institute und Universitäten sind angereist. Referenten aus der politischen Bildung, Stiftungsmitarbeiter und Beauftragte nehmen teil, Gesprächsfetzen schwirren umher. Es liegt etwas in der Luft: entschlossener Widerstand gegen den Orkan, der sich von rechts zusammengebraut hat. Der Wahlsieg der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen-Anhalt scheint wie eine dunkle Wolke an diesem sonnigen Vormittag über dem Frankfurter Süden zu hängen. Das Fachforum „Sport mit Courage“ der dsj brachte am 10. September Experten und Engagierte zusammen, um über Rechtsextremismus, gesellschaftliche Konflikte und Radikalisierung im Sport zu diskutieren und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln: Wie prägen sportliche Wettbewerbsstrukturen traditionelle Männlichkeitsbilder? Was lässt sich aus der Analyse der digitalen Radikalisierungsdynamik ziehen? Und wie kann dialogorientierte Beziehungsarbeit gestaltet werden? Widerstand ist nicht zwecklos „Jetzt gerade befinden wir uns in einer gesellschaftlichen Situation, die nicht so leicht verdaulich ist für viele Menschen und ein Gefühl von Ohnmacht auslöst“, sagt Moderator Fuzael Ul-Hassan. „Das liegt unter anderem daran, dass der Zulauf zu antidemokratischen Haltungen in Deutschland zunimmt“ – an dieser Stelle macht er eine kurze Pause – „und gefühlt unaufhaltsam ist.“ Benny Folkmann, dsj-Vorstandsmitglied, formuliert es so: „Seit einiger Zeit stehen die Säulen der Demokratie in einem zerstörerischen Sturm, der auch das Fundament angreift, auf dem sie stehen: die Grundsätze unserer Demokratie. Er scheint unberechenbar und unbezwingbar zu sein mit den bisherigen Gegenmitteln.“ Rechte Ideologien haben sich längst des Sports bemächtigt. Ul-Hassan zeigt das am Beispiel der Gruppe „Team Menschenrechte“ auf. Regelmäßig treffen sich ihre Mitglieder zum gemeinsamen Laufen in Nürnberg. Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern weist darauf hin, dass sich in der Gruppe sogenannte „Mosaik-Rechte“ zusammenfinden. Bei ihnen „treten inhaltlich widersprüchliche oder sogar unvereinbare Positionen zurück zugunsten von Gemeinschaftsgefühl und der Identifikation gemeinsamer Feinde“, sagt Jonas Schmidt, Mitarbeiter der Mobilen Beratung im Gespräch mit der Nürnberger „Sonntagszeitung“. Der Sturm ist nicht unaufhaltsam Versammlungen des „Teams Menschenrechte“ dienen als Orte der Radikalisierung sowie Vernetzung und führen zu einer Normalisierung rechtsextremistischer Positionen. Feindbilder sind unter anderem der vermeintliche „Deep State“, die Medien und queere Menschen. Im Rahmen von Protesten gab es in der Vergangenheit auch Übergriffe auf Medienvertreter oder Gegendemonstranten durch die Gruppe. Doch der rechte Sturm ist nicht unaufhaltsam. Die Wahrnehmung ist das eine, die Wahrheit eine andere, sagt Ul-Hassan. Ideen, strukturelle Ansätze und gesellschaftliches Engagement zur Demokratieförderung sind vorhanden. So wurde das Lauftreffen des Teams Menschenrechte durch die Aktion „Spendenlauf Nazistopp“ zweckentfremdet. Für jeden gelaufenen Kilometer der Gruppe wurde ein Betrag an den Verein B.U.D. gespendet, der sich für Opfer rechter Gewalt einsetzt. Rund 23.000 Euro kamen zusammen. „Eine sehr vielgesichtige Organisationswirtschaft“ „Wir reden bei der extremen Rechten über eine sehr vielgesichtige und ausdifferenzierte Organisationswirtschaft“, sagt Robert Claus. Der gebürtige Rostocker forscht zu den Themen extreme Rechte, Sport, Fankulturen und Hooliganismus. In Frankfurt hält er einen Vortrag über Rechtsextremismus im Sport. Claus zufolge dient Sport Rechtsextremisten als Rahmen zur Verbreitung ihres ideologischen Gedankenguts. Zwar ist keine Sportart genuin rechtsextrem. Aber es gibt Gründe, weshalb sich in manchen mehr von ihnen zusammenfinden als in anderen. Ihr Gedankengut findet sich etwa vor allem im kommerziellen Sportsektor wieder: in Fitness- und Kampfsportstudios, teilweise auch in neumodernen Sportarten wie Outdoor-Survival-Läufen. Es kommt aber auch in freien Sportgruppen vor, deren Angehörige oft Mitglieder in Sportvereinen sind. Hat der Fußball ein Problem mit rechtsextremen Einstellungen? Auch der Fußball scheint ein Problem zu haben. 2023 wurde im Rahmen der Mitte-Studie abgefragt, wie sehr die Menschen der Aussage zustimmen, dass Weiße zu Recht führend im Sport sind. Personen, die in Fußballvereinen spielten, stimmten dieser Aussage zu 16 Prozent zu. Ob der Fußball jedoch generell ein Problem mit rechten Einstellungen hat oder ob es sich hierbei nur um einen Ausreißer handelte, kann nicht beantwortet werden. Bisher existieren hierzu keine Nachfolgestudien. Sicher ist, dass die Zustimmungswerte im Fußball deutlich höher ausfielen als bei anderen Sportarten. Kampfsport und Gewaltphantasien: Grundpfeiler des rechten Sports Anders als Fußball ist der Kampfsport in den rechten Medien nahezu omnipräsent. Das ist laut Claus strategisch vorgegeben. Mario Müller, ein führender Vertreter der Identitären Bewegung, schreibt beispielsweise in seinem Buch „Kontrakultur“ zum Thema Kampfsport, dass erst dieser den wahren Charakter eines Mannes zeige. Auf Amazon wirbt das Werk mit der Selbstbeschreibung: „Mario Müllers Buch ist ein Muß für Aktivisten und für alle, die abseits der großen Heerstraße das geistige und identitäre Abenteuer suchen.“ Im Werk wird auch zur Selbstverteidigung angemahnt. Was auffällt: Bei Müller geht es nicht um Sport. Vielmehr steht das Betreiben von „Sport mit außergewöhnlichen Gewaltzielen“ im Fokus, macht Claus deutlich. Im Werbevideo eines Rostocker Kampfsportstudios ist ein Mann zu sehen, der eine Frau auf ein Hotelbett wirft und festhält. Übertitelt ist dies mit dem Werbeslogan „Wer eine Frau nicht freiwillig ins Bett bekommt, sollte heute zum BJJ-Training kommen (gemeint ist Brazilian Jiu Jitsu, Anm. der Red.).“ Zielgruppe: Vergewaltiger oder solche, die es werden wollen. Die Bedrohung von Frauen ist impliziert. Erst kürzlich distanzierte sich das Studio von Extremismus und politischer Gewalt jeder Art. Auch stellte es einen Antrag auf Mitgliedschaft beim Landessportbund Mecklenburg-Vorpommern (LSB M-V). Auf F.A.Z.-Anfrage konnte man in Schwerin keine Auskunft darüber geben, wie und ob über die Aufnahme entschieden wurde. Rechtsextreme Sportler in Landessportbünden Die politische Rechte hat sich zwar bereits ein Netzwerk parallel zu demjenigen der deutschen Landessportbünde (LSBs) aufgebaut. Trotzdem gebe es personelle Verbindungen zwischen den beiden, meint Claus. Kampfsportler aus rechten Vereinen treten beispielsweise als Einzelpersonen in den Wettbewerben der LSB an. Positiv sei jedoch, dass es in den LSB nur sehr wenige offen rechtsextremistische Vereine gibt. Auch die AfD möchte ihre programmatischen Ziele mittels des Sports umsetzen. Ein Strategiepapier der Partei sah bereits 2018 vor, Schlüsselpositionen im Sport zu besetzen, um den politischen Diskurs zu verschieben. „Wer politisch auf Dauer erfolgreich sein will, muss in solchen Organisationen über Multiplikatoren verfügen, die, ohne sich notwendigerweise politisch zu outen, die Idee einer bestimmten Partei vertreten und einen positiven Resonanzboden für die Partei bereiten“, hieß es schon damals. Zwar verneint Claus im F.A.Z.-Gespräch die Frage, ob der Sport von rechts unterwandert worden ist. Dennoch bleiben von Rechtsextremisten geschaffene Parallelstrukturen gefährlich, denn sie liegen nicht nur außerhalb der Kontrolle des organisierten Vereinssports, sondern dienen fortwährend der Verbreitung eines gewaltbereiten Gedankenguts. Dass dieses auf den Jugendsport überschwappt, möchte man bei der dsj verhindern. Dazu muss eine klare Haltung gezeigt werden, klar positioniert gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus: „Sie ist demokratisch, weltoffen und tolerant“, sagt Folkmann. Der Sport „hat das Potential, demokratisches Miteinander zu stärken“, sagt Hella Rabien, Projektreferentin im Ressort Gesellschaftspolitik der dsj. Dafür braucht es aber neben einer klaren Haltung eines offenen Dialogs: „Der auch diejenigen erreicht, die sonst drohen, verloren zu gehen.“
